Von Daunen und Familiendramen

Auf meiner Morgenrunde traf ich eine Frau. Es war schwer einzuschätzen, ob sie jung oder alt war. Zauses, strähniges Haar, das Dunkel durchsetzt von weißen und grauen Strähnen. Der weite Pullover verdeckte einen großen Bauch. In der einen Hand hielt sie die Leine ihres hellbraunen Hundes, der, kniehoch und mit struppigem Fell aus aufmerksamen bernsteinfarbenen Augen mein Sichnähern verfolgte.

Für ein paar Sekunden wird es ruhig in meinen Händen. Vielleicht gefällt ihr das neue, weichere Fingergefängnis.

Die zweite Hand hatte sie abgewinkelt, die Hand im Ärmel versteckt. Ob ich ihr helfen könne, fragt sie. Ihr Gesichtsausdruck ist gleichzeitig hilflos und bedürftig, anderseits verleitet er mich auch zur Vorsicht. Wobei denn, frage ich und wahre einen Sicherheitsabstand. Da zieht sie die Hand aus dem Ärmel und zeigt mir das Baby-Entlein, das sich piepsend aus ihrem Griff befreien will. Ob ich das Baby halten kann, sie müsse ihrem Hund den Beißkorb anlegen und das gehe nicht mit einer Hand.

In Ordnung. Ich strecke die Hand aus, nähere mich. Da hängt sich der Hund bellend in die Leine, Hinterbeine auf dem Boden, Vorderbeine in der Luft, nur das feste Halsband, an dem sich die Leine strafft, hält ihn von seinem Vorhaben ab, sein Frauchen mit Vehemenz und Zähnen zu verteidigen. Verzeihung sagt sie, das hätte sie mir wohl sagen müssen, dass er ein bisserl ein lauter ist. Sie bindet ihn einhändig an einem Baum fest und reicht mir schließlich das kleine Bündel Daunen und Flauschefell. Die Ente ist Handtellergroß, ihre kurzen Beinchen enden in breiten, gelben Watschelfüßen. Im Vergleich zum Körper wirken sie grotesk, wie aus einem Comic. Sie piepst, so hoch, dass man es kaum hört. Der Morgen ist kalt, ich halte sie mit beiden behandschuhten Händen und schiebe sie unter meinen dicken Schal. Für ein paar Sekunden wird es ruhig in meinen Händen. Vielleicht gefällt ihr das neue, weichere Fingergefängnis.

Da zieht sie die Hand aus dem Ärmel und zeigt mir das Baby-Entlein, das sich piepsend aus ihrem Griff befreien will. Ob ich das Baby halten kann, sie müsse ihrem Hund den Beißkorb anlegen und das gehe nicht mit einer Hand.

Der Beißkorb ist an, die Ententransaktion nimmt ihren umgekehrten Lauf. Wo die Ente denn her sei. Eine Spaziergängerin habe sie gefunden, aber die Entenmama sei weit und breit nicht aufzufinden gewesen. Das Baby werde jetzt dem Wildtierschutzverband übergeben. Alles Gute.

Ich setze meinen Spaziergang fort. Muss auf die Wurzeln achtgeben, die knöchelhoch aus dem Erdboden wachsen und den Zehen Gelegenheiten zum Einfädeln liefern. Auf der Brücke sehe ich einem Dreiergespann Mandarinenten zu, einem Weibchen, zwei unterschiedliche gefärbten Männchen. Eines jagt das andere davon, in waghalsigen Stunts über im Wasser treibenden Baumstämmen. Das sind sie nicht, die Eltern. Mandarinentenbabies haben ungewöhnlich lange Stelzenbeine, auf denen sie in bemerkenswertem Tempo an Land umherflitzen, wenn sie nicht den Eltern – beiden, Mandarinenten halten nichts von Frau daheim mit Kindern – im Wasser folgen. Außerdem sieht es so aus, als wäre der Kampf um die weibliche Gunst noch nicht geschlagen.

Ich gehe weiter, schramme mit den Schultern an ein paar Ästen vorbei, als ich den Waldweg, nicht den Asphalt wähle. Minutenlang durch dichtes grünes Blattwerk und Geäst. Totholz in rotbraunen Schattierungen liegt vor sich hinmodernd über dem Gehweg. Am kleinen Teich angekommen finde ich, wonach die Frau gesucht haben dürfte. Eine Stockentenmama ist mit nur zwei Jungtieren unterwegs. Eines hat dieselbe Zeichnung wie das piepsende Stück Flausch, das ich vor einer halben Stunde noch in den Händen gehalten hatte.

Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmonds nach der Explosion in Ölraffinerien. Quelle: AFP

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