August 22, 2025

Von Daunen und Familiendramen

Auf meiner Morgenrunde traf ich eine Frau. Es war schwer einzuschätzen, ob sie jung oder alt war. Zauses, strähniges Haar, das Dunkel durchsetzt von weißen und grauen Strähnen. Der weite Pullover verdeckte einen großen Bauch. In der einen Hand hielt sie die Leine ihres hellbraunen Hundes, der, kniehoch und mit struppigem Fell aus aufmerksamen bernsteinfarbenen Augen mein Sichnähern verfolgte. Für ein paar Sekunden wird es ruhig in meinen Händen. Vielleicht gefällt ihr das neue, weichere Fingergefängnis. Die zweite Hand hatte sie abgewinkelt, die Hand im Ärmel versteckt. Ob ich ihr helfen könne, fragt sie. Ihr Gesichtsausdruck ist gleichzeitig hilflos und bedürftig, anderseits verleitet er mich auch zur Vorsicht. Wobei denn, frage ich und wahre einen Sicherheitsabstand. Da zieht sie die Hand aus dem Ärmel und zeigt mir das Baby-Entlein, das sich piepsend aus ihrem Griff befreien will. Ob ich das Baby halten kann, sie müsse ihrem Hund den Beißkorb anlegen

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Weste aus Plumbum

On your toes! Plié! Die Grätsche spannt den Einteiler über ihrem Schritt und strafft den Stoff um ihren Bauch. Perfekt pedikürte Zehennägel krallen sich in die Matte, saisonunabhängig gebräunte Arme finden ihren Weg über den Kopf, die Fingerspitzen berühren einander über dem blonden Scheitel. Ihre Stunden sind immer ausgebucht. Junge Frauen drängen sich nach getaner Arbeit in den Übungsraum mit den hohen Decken und den Moosbildern an den Wänden. Ballettstanden für Barre Workouts halten die schweren Matten, wenn die durch Büroarbeit und ungesunde Snacks außer Form geratenen Körper nicht auf ihnen liegen und schwitzen. Qualität merkt man am Gewicht, hatte Andreas zu ihr gesagt, als sie zum Bewerbungsgespräch ins Studio gekommen war. Dabei hatte er die Matten auf den Stangen getätschelt wie ein Cowboy den Hals seines treuen Pferdes, das ihn tagelang durch die Prärie getragen hatte, ohne nach einem Tropfen Wasser zu verlangen. Als sie eine der Matten anhob,

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Wenn Enten landen

Am meisten freute es ihn, wenn die Enten landeten. Die Füße ausgestreckt und aufgestellt, um mehr Bremswiderstand auf der Wasseroberfläche zu erzeugen. Noch ein paar schnelle Flatterer und Zisssscccchhh,… wurden sie immer langsamer, bis sie wie Korken auf dem Wasser trieben. Je nach Jahreszeit waren die Enten mal an diesem oder an jenem Wasser. Je nach Jahreszeit gab es auch unterschiedliche Enten zu sehen. Waren keine Enten da, sah er den Krähen zu, wie sie auf ihren großen, kralligen Füßen umherstacksten und ihn aus ihren schwarzen Augen musterten. Den Kopf schief gestellt, ein Auge auf ihn gerichtet, machten sie einen Bogen um ihn. Inspizierten, was sie auf der Erde fanden. Hoben Nussschalen auf oder pickten Fäden und Büschel aus einem Knäuel beiger Hundehaare, die das dornige Geäst einem Retriever vom Körper gezupft hat. Waren keine Tiere zu sehen, ging er zurück nach Hause. Der Eingangsbereich roch nach schlecht trocknenden Handtüchern,

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Hafermilch zum Cappuccino

Zwei Wochen ist es her, dass Yussuf sich gemeldet hat. Ab jetzt kann sie die Uhr danach stellen, wann er schreiben wird. Wichtig ist, dass sie es nicht tut. Unter die zwölf Dinge, die sie unter keinen Umständen tun darf, fällt auch die Kontaktaufnahme von ihrer Seite. „Die zwölf Gebote“ nennt ihre Freundin Sybille die Regeln. Die, halb ausgesprochen, halb angedeutet, zwischen ihr und Yussuf in der Luft schweben und sich manchmal wie Kleister um ihre Gedanken und Gefühle legen. Erzählen kann sie niemandem mehr von Yussuf. Von dem Hochgefühl, wenn er sich endlich meldet. Von dem wattigen, schwebenden Gefühl, wenn er sie abholt. Von der Sicherheit, wenn er für sie kocht. Von der Dankbarkeit, dass sie nur ein einziges Mal die Frage verneinen musste, ob sie Fleisch isst. Und er seither vegetarisch kocht. Der Hosen Träger Typ hat jedes Mal Fleisch gekocht. Je-des Mal hat sie es auf dem

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Wenn Maria träumt

Wenn Maria träumt, dann von blutigen Leichenbergen vor dem Parlament und Paralleluniversen, in denen den Georgiern die Gehirne entnommen, gewaschen und wieder eingepflanzt werden. Wer noch nicht brainwashed ist, muss den Anordnunen gehorchen, sonst droht ebenfalls Gehirnwäsche. Einen Tag pro Woche kann man sein, wer man ist, sozusagen Pause. Den Rest hat man zu gehorchen.„There’s three categories of people today“, sagt Maria. „Those who don’t care at all. Those who are too sensitive and scared of losing their pink glasses. And those who have woken up to pragmatism in an otherwise unbearable surrounding. Those who endure the cameras they put up „for safety“ with which they surveil us during every protest.“ Wer noch nicht barinwashed ist, muss gehorchen. So wie zwei von Rusas Freunden. Die Bergführerin ist Anfang 30. Einem ihrer Freunde wird gerade in Tiflis der Prozess gemacht, weil er angeblich einen Polizisten attackiert haben soll. Auf dem Video

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Andi muss weg

Andi muss zum Frisör. Die paar Haare, die er sich mühsam mittels Eigenhaartransplantation vor 7 Jahren aus diesem unwürdigen Ring am Hinterkopf hat nehmen lassen, einem Ring, der nicht und nicht lichter wurde, obwohl sich alle anderen Haare auf nimmer wiedersehen verabschiedeten, er sollte sie kürzen. Es hatte auf der Kopfkrone begonnen, hinten. Kreisrund wurden die Haare immer weniger. Wenn man hinter Andi die Stiegen runterging, hatte man eine gute Sicht auf die kahle Stelle, die sich wie ein Extrawurstblatt immer mehr ausbreitete. Gleichzeitig wanderte die Stirn immer weiter nach oben. Sie lief den Haaren nach, die sich immer mehr von der Stirn entfernten. Wie zwei Freunde, die wegen etwas gestritten hatten, von dem heute schon niemand mehr weiß, was es eigentlich war. Aber weil man es nicht mehr wusste, konnte man sich auch nicht entschuldigen. Und deshalb ging man einander weiterhin aus dem Weg. War einfacher so. Andis Stirn

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