Weste aus Plumbum

On your toes! Plié! Die Grätsche spannt den Einteiler über ihrem Schritt und strafft den Stoff um ihren Bauch. Perfekt pedikürte Zehennägel krallen sich in die Matte, saisonunabhängig gebräunte Arme finden ihren Weg über den Kopf, die Fingerspitzen berühren einander über dem blonden Scheitel. Ihre Stunden sind immer ausgebucht. Junge Frauen drängen sich nach getaner Arbeit in den Übungsraum mit den hohen Decken und den Moosbildern an den Wänden. Ballettstanden für Barre Workouts halten die schweren Matten, wenn die durch Büroarbeit und ungesunde Snacks außer Form geratenen Körper nicht auf ihnen liegen und schwitzen.

Qualität merkt man am Gewicht, hatte Andreas zu ihr gesagt, als sie zum Bewerbungsgespräch ins Studio gekommen war. Dabei hatte er die Matten auf den Stangen getätschelt wie ein Cowboy den Hals seines treuen Pferdes, das ihn tagelang durch die Prärie getragen hatte, ohne nach einem Tropfen Wasser zu verlangen. Als sie eine der Matten anhob, brauchte sie mehr Kraft als erwartet. Er grinste zufrieden. Gewicht und Festigkeit sagte er. Daran erkennt man Qualität. Das wissen auch die Kunden, sagte er. Und dass das, wenn wir uns ehrlich sind, ja nicht nur auf die Matten zutrifft, sagte er, während er langsam auf sie zuging, an ihr herabsah und die Hände an ihre Taille legte.

Now – heels! Toes! Heels! Toes! Sie spricht toes wie toys aus. Hoch mit dem Spielzeug. Für Andreas waren ihre Zehen auch wie Spielzeug. Der immer noch straffe Körper unter ihm, schön und gut. Lange Beschäftigung gab es nur mit den Füßen. Meine Schwäche nannte er ihre Zehen. Lange wusste sie nicht, was diese Worte im Zusammenhang mit ihren Füßen bedeuteten. Meine Schwäche. Ihre war das Fouetté. 32 davon am Stück, sie hasste Schwanensee. Mit vier begonnen, mit neun Kiewer Meisterin, mit elf erstes Vortanzen im Staatsballett. Training jeden Tag von 5 bis 7 und von 6 bis 10. In der Schule nur gute Noten, bloß Sprachen wollten nicht in ihren Kopf. Dafür Zahlen, Formeln, Axiome, Zellbestandteile, Elemente, Verbindungen. Chemische Formeln waren für sie wie Musik. Stundenlang studierte sie Das Periodensystem, stellte sich die Formeln auf der dunkelgrünen Tafel als Gebilde in Raum und Zeit vor.

Ihr Chemielehrer erschien ihr als Alchemist, mehr Magier als Professor, den drei Gymnasien nach kurzer Zeit wieder hatten gehen lassen. Anpassungsschwierigkeiten raunte es durch die Gänge des Sechzigerjahre-Baus. Für sie war er ein Halbgott, der mit quietschender Kreide, Plus- und Minuszeichen rechts über die Buchstaben malte und so die Tür in eine neue Welt aufstieß. Kalium, Magnesium, Phosphor. Blei, das mit Pb abgekürzt wird. Plumbum. Schmelzpunkt 327,5 Grad Celsius. Es war ihr Lieblingselement. Immer, wenn er ihr nach der Stunde, wenn alle Klassenkameraden in den Biologiesaal gegangen waren, die Hände um die Taille legte, stellte sie sich vor, sie trüge eine Weste aus Plumbum.

Mit 22 war es vorbei mit dem Ballett. Zu alt, nicht weit genug gekommen. Zeit, einmal wöchentlich zur Pediküre zu gehen, um die Spuren des Spitzentanzes mit Schere, Feile, Schleifhobel, Creme und Nagellack zu kaschieren. Welcher Mann interessierte sich schon für eine ausgemusterte Ballerina, die nie Prima war, noch dazu, wenn sie hässliche, deformierte Zehen hatte? Andreas interessierte sich ausschließlich für ihre Zehen. Zehen und schwere Matten.

Was die Mädchen wohl sehen, wenn sie sie anschauen, denkt sie manchmal. Meistens dann, wenn sie eine besonders anspruchsvolle Übung vorzeigt und ein Schnaufen, Pfeifen, ermattetes Plumpsen durch die Reihen eng geschlichteter Pilates-Rookies geht. Wenn die quetschig-weichen Bälle beginnen, herrenlos durch die Gegend zu rollen, wenn kleine Fettröllchen beginnen, unter den meist viel zu engen Trikots zu vibrieren. Wie Aspik, denkt sie.

Wenn die Stunde vorbei ist, öffnet sie ein Fenster und lässt die Ausdünstungen der Büromenschen in den Wiener Nachthimmel steigen. Sie liest die letzten Gummibänder und Korkblöcke vom Boden auf. Wie die Babys, denkt sie jedes Mal. Wie die Babys, die bei den Leihmüttern bestellt und nach dem Angriff nie abgeholt wurden. Hunderte schreiende, frierende Fleischklöpse, die der Krieg ganz ohne Tod zu Waisen gemacht hatte.

Sie schlichtet die Korkblöcke übereinander und wirft die Gummibänder in den geflochtenen Korb im Schrank mit den Schwebetüren. Als Letzte verlässt sie das Studio. Sneakers an den Füßen, Mantel über dem Arm. Sven, sagt der Mittfünfziger, der vor der Tür wartet und ihr die Hand entgegenstreckt. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Tatjana, sagt sie. Tatjana, wiederholt er langsam, als er an ihr herabsieht und die Hände um ihre immer noch straffe Taille legt.

Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmonds nach der Explosion in Ölraffinerien. Quelle: AFP

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