Andi muss weg

Andi muss zum Frisör. Die paar Haare, die er sich mühsam mittels Eigenhaartransplantation vor 7 Jahren aus diesem unwürdigen Ring am Hinterkopf hat nehmen lassen, einem Ring, der nicht und nicht lichter wurde, obwohl sich alle anderen Haare auf nimmer wiedersehen verabschiedeten, er sollte sie kürzen. Es hatte auf der Kopfkrone begonnen, hinten. Kreisrund wurden die Haare immer weniger. Wenn man hinter Andi die Stiegen runterging, hatte man eine gute Sicht auf die kahle Stelle, die sich wie ein Extrawurstblatt immer mehr ausbreitete. Gleichzeitig wanderte die Stirn immer weiter nach oben. Sie lief den Haaren nach, die sich immer mehr von der Stirn entfernten. Wie zwei Freunde, die wegen etwas gestritten hatten, von dem heute schon niemand mehr weiß, was es eigentlich war. Aber weil man es nicht mehr wusste, konnte man sich auch nicht entschuldigen. Und deshalb ging man einander weiterhin aus dem Weg. War einfacher so.

Andis Stirn und Haare gingen einander also weiterhin aus dem Weg und seine Stirn wurde immer höher. Schoss ins unermessliche und näherte sich so dem Extrawurstblatt der Kopfkrone an. Irgendwann wurde auch Andis Scheitel breiter. Er trug ihn rechts. Also von seinem Gegenüber aus gesehen. Er musste sich also links kämmen, um für die Umwelt rechts einen Scheitel zu tragen. Schon komisch, dass man Dinge tut, die dann von außen genau umgekehrt wirken. Wie wenn Männer ins Fitness Center gehen und ihren Bizeps aufblasen. Und sich jeden zweiten Tag ins Solarium legen. Quasi, wenn man schon mal da ist. Immerhin hat man extra die größere Mitgliedschaft abgeschlossen. Jetzt kann man pumpen und brutzeln. All das, um Frauen zu beeindrucken. Nur um dann auszusehen, als hätte man eine in Speck gewickelt Dattel auf zwei Zahnstocher gesteckt. Weil mit dem leg day klappts dann irgendwie doch nicht so.

Nur um dann auszusehen, als hätte man eine in Speck gewickelt Dattel auf zwei Zahnstocher gesteckt.

Andis Scheitel wird also immer breiter. Eine Zeitlang war es schick, dass sich Männer den Scheitel aus rasieren lassen, um ihn noch gestochener wirken zu lassen. So richtig schön akkurat. Hätte ihr gefallen, der Oma. Andi wäre schon damit zufrieden, wenn der Scheitel ein Scheitel bliebe. Also ein Strich die Kopfhaut runter, von dem dann links und rechts die Haare wegfallen. Kippen in Andis Fall. Andis Haare sind von der feinen Sorte. Geht mal der Wind, hat Andi einen Heiligenschein. Also diese Art von dünn. Naja. Er wäre jedenfalls schon mit einem Scheitel zufrieden gewesen, von dem aus die Haare nach links und rechts weg kippen können. Gar kein ausrasierter akkurater, der Oma gefallender Scheitel nötig.

Aber Andis Scheitel wurde immer breiter. Links und rechts waren immer weniger Haare. Bis der Scheitel irgendwann breiter war als das Stück, das noch von Haaren bedeckt war. Nun also Triangulation der Kopfhaut. Von hinten kam die Extrawurst. Von vorne die Stirn und von der Seite nun auch der Scheitel, der mehr und mehr Raum griff. Als sich diese drei Bewegungen in der Mitte von Andis Kopf trafen, kam es zu keiner spannenden Wellen Bewegung, wie man sie von einem See kennt, auf dem unterschiedliche Wellen aufeinandertreffen. Von Kreuzfahrtschiff und Fähren, deren Pfade sich auf dem Wasser kreuzen und deren Bugwellen dann gegeneinanderstoßen. Krachen will man sagen, wenn das lautmalerisch nicht so komplett falsch wäre. Aneinander spritzen klingt aber auch ziemlich blöd. Jedenfalls krachten Andis Hautwellen im Epizentrum des Haarausfalls leise und von vielen unbemerkt aneinander. Weil Andi trug ja immer Baseball Kappen. Erst um das Wurstblatt vor sonnenbedingter Errötung zu schützen. Dann, um dessen Vergrößerung zu verheimlichen. Als es nun zum haarlosen Krach auf Andis Haupt kam, bekam das also kaum jemand mit. Außer Andi, der es vor dem Spiegel im WG-Badezimmer grunzend zur Kenntnis nahm, als er prüfend seine Kopfkrone Richtung Spiegel kippen ließ und mit nach oben gedrehten Augen beobachtete, wie die letzten verbliebenen Haare zu den Seiten wegkippten. Wie wenn im Wald, in dem geschlägert wird, die letzten Fichten aufschlagen. Der Wald sieht aus wie abrasiert. Baum Stümpfe wie kaputte Zähne im Mund eines alten Mannes, dem die Idee von Dritten Zähnen nicht behagt. Immer dieses herum fummeln mit der Kukident aber auch. Dann knackst immer etwas, wenn du in eine Wurstsemmel beißt und irgendwie tuts weh, weil diese Dritten nie vernünftig angepasst wurden.

Jedenfalls kippen Andis letzte Haare zur Seite weg. Und Andi braucht neue. Weil man die zwar auch ankleben könnte, Andi das aber nicht will, fliegt er nach Ankara. Das Zentrum der Haar Transplantation. Das Mekka der Eigenhaartherapie. Pilgerort haarbekranzter Mitt-40er mit großem Bauch und kurzen Beinen. Und vollen Brieftasche. Weil so ein bisschen Haare von A nach B zu setzen, das kostet. Das nötige Kleingeld hat Andi angespart. Und fliegt nach Ankara. Ganz ohne Bauch und kurze Beine, aber mit breitem Scheitel und großem Wurstblattl und immer höher werdender Stirn. Auch unter 40 qualifiziert.

Als Andi aus Ankara heimkommt, sieht sein Kopf aus wie eine Zuckermelone, die zu lang in der Sonne gelegen hat. Seine Haut wird von einer schwammartigen Schwellung gespannt. Mehrere Zentimeter über dem Punkt, an dem Andis Kopf normalerweise aufhört. Wenn er auf die Schwellung drückt, sinkt sein Finger 2 Zentimeter tief ein. Nimmt er den Finger weg, bleibt die Delle eine Zeitlang, bis sie von der Schwellflüssigkeit wieder aufgefüllt wird. Die Kopfhaut ist rot und verkrustet. Die Haare noch nicht nennenswert erkennbar. Erst einige Monate später wird Andi wieder seine Kopfkrone Richtung WG-Badezimmerspiegel kippen und die Augen Richtung Scheitel drehen. Und mit langsamen, präzisen Bewegungen einige der Haare von links nach rechts kämmen, um den Breitscheitel und das Wurstblatt und die hohe Stirn zu bedecken.

Der einzige, der Andis Haare nun berühren darf, ist Stefan. Von Stefans Haar Saloon. Zwei Häuser weiter. Andi mag keine weiten Wege. Mochte er noch nie. Andi ist SPÖ Mitglied seit er 15 ist. Politik interessiert ihn nicht. Aber die Bezirkszentrale der Partei war direkt unter der Wohnung, in der er 27 Jahre lang mit seinen Eltern gewohnt hat. Und man konnte dort Ferialpraxis machen. Seitdem ist Andi rot. Und zum Arbeiten nie wieder woanders hingegangen. In der Jugend war Andi ein guter Kajak Fahrer. Der Verein hat ihm eine Stelle als Trainer angeboten. Aber zur Zentrale auf der Donauinsel musste man im Sommer jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Fahrrad fahren. Und im Winter in den 9. Ins Büro? Dann lieber SPÖ.

Stefans Haar Salon sucht Andi alle 3 Monate auf. Stefan kürzt an den Seiten und hält den Schopf lang. So wie Andi es mag.

Gerade mag Andi nicht wie er aussieht. Er war seit 9 Monaten nicht bei Stefan. Vor 6 Monaten hatte er einen Termin. Andi kommt immer pünktlich. Aber an dem Tag, Mittwoch der 5. Mai, Andi geht immer am ersten Mittwoch des dritten Monats um 16 Uhr zu Stefan in den Saloon, dieses Mal kam Andi etwas dazwischen. Andi war verabredet. Mit Christina. Christina hatte er in der Parteizentrale kennen gelernt. Sie war Mitte dreißig und an ihm interessiert. Und man machte sich einen Termin aus. Zum Kaffeetrinken. Im 7. Bezirk. Christina ist vor zwei Jahren in den 7. gezogen. Der 11. War mühsam und der 7. Gilt als hipp. Christina will auch hipp sein.

Also Kaffee um 14 Uhr im Wirr auf der Burggasse. Andi kommt. Christina nicht. Und Andi wartet. Er weiß, eine wie Christina findet er so schnell nicht wieder. Sie hatte das Treffen initiiert. Nach seinem Alter, seinen Eltern, und seinem letzten Urlaub gefragt. Und das Wirr vorgeschlagen. Um 14.30 überlegt Andi, Christina zu schreiben. Eine WhatsApp nach 30 Minuten müsste drin sein. Aber er will noch aushalten. Will noch warten. Needy sein kommt bei den Frauen nicht gut an. Weiß er von den Podcasts und Youtube Videos, die er abonniert hat. Du musst der Toughe sein. Immer in Control. Andi bleibt in Control. Bis 15 Uhr. Dann ist der Falter ausgelesen und sein Handy vom Podcast hören fast leer. Er überlegt, Christina anzurufen. Aber anrufen hat so etwas Dringliches. Besser WhatsApp? SMS vielleicht sogar, weil erstes Treffen?

Ob Andi noch etwas will. Die Musik ist so laut, Andi versteht die Kellnerin fast nicht. NOCH EINEN? Schreit sie über den Bass. Ja. Ja. Andi nickt. Und vergisst, dass er beim ersten Mal Bestellen in der Speisekarte statt auf eine Melange auf einen Flat White getippt hat. Doubleshot Espresso. Der fährt Andi ein, dass er erst nervös wird und dann seinen Bauch grummeln hört. Zur Laktoseintoleranz, auf die Andi beim Bestellen vergessen hat, gesellt sich nun auch ein Grummeln, das nur vom vierten Shot Espresso kommen kann.

Andi läuft aufs Klo. Und bleibt dort. Seine Eingeweide versuchen krampfhaft, den Inhalt so schnell wie möglich nach außen zu bugsieren. Erst ist Andi mit der Peristaltik seines Darms so beschäftigt, dass er die Welt um sich herum vergisst. Nur nicht wieder ohnmächtig werden wie bei der letzten Darm Grippe! Als die Krämpfe weniger werden, erinnert sich Andi, wieso er eine zweite Bestellung aufgegeben hat. Christina! Die Frau, die niemals kam. Andi kann sie nicht mehr anrufen. Sein Handy hat keinen Akku mehr. Ganz sind die Krämpfe noch nicht weg. Andi bleibt sitzen. Lässt den Kopf hängen. Als er eine halbe Stunde später zahlt, sieht ihn die Kellnerin länger an als zuvor. Den Tisch für zwei räumt sie ab. Andi geht zur U3.

Und als er um 17 Uhr den Schlüssel in die Tür steckt, fällt ihm Stefan ein. Stefan. Er hat seinen Termin vergessen! Noch nie hat Andi einen Termin vergessen. Als er einmal fast auf seine Klavier Stunde vergessen hat, ist er so schnell in den benachbarten Bezirk gelaufen, dass er erst 10 Minuten brauchte, um vor dem alten Piano wieder Luft zu kriegen. Und hatte dann einen Hustenanfall, in dem sich seine Lunge mit Blut und Schleim von ihren schwächsten Gliedern verabschiedete, die Andi in ein Taschentuch spuckte, bis der Klavierlehrer ihn heimschickte. Aber zu spät war er nicht gekommen.

6 Monate ist das jetzt her. Und Andi sucht Wohnung. So geht es nicht weiter. Der Frisör Salon auf der Tabor Straße hat das mit der Frisur nicht hinbekommen. Der auf der Heine Straße auch nicht. In den Gemüseladen in der Novaragasse kann Andi nicht mehr gehen. Der ist ein Freund von Stefan. Ebenso wie der Trafikant in der Weintraubengasse, von dem Andi sich mittwochs den Falter holt. Andis Wege werden unangenehm lang. Im 21. Bezirk ist eine WG inseriert. Zwar lebt dort der Russ, 1210 ist ein deutlicher Abstieg. Und man müsste sich Arbeit in der dortigen Parteizentrale finden.

Aber alles ist besser, als in dieser von Stefans Freirörfreundschaften durchzogenen, nein verseuchten Gegend zu wohnen. In der er Stefan auch noch jeden Moment reinlaufen könnte. Und der könnte ihn fragen, wieso er nicht gekommen ist. Und Andi müsste lügen. Oder von Christina und dem zweiten Flat White erzählen. Dann lieber 1210 und auf die Gentrifizierung warten. Und wer weiß. Vielleicht trifft er in der neuen Parteizentrale die Frau, die er sich verdient hat. Die eine solide Partie wie Andi zu schätzen weiß.

Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmonds nach der Explosion in Ölraffinerien. Quelle: AFP

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