Wenn Enten landen

Am meisten freute es ihn, wenn die Enten landeten. Die Füße ausgestreckt und aufgestellt, um mehr Bremswiderstand auf der Wasseroberfläche zu erzeugen. Noch ein paar schnelle Flatterer und Zisssscccchhh,… wurden sie immer langsamer, bis sie wie Korken auf dem Wasser trieben.

Je nach Jahreszeit waren die Enten mal an diesem oder an jenem Wasser. Je nach Jahreszeit gab es auch unterschiedliche Enten zu sehen. Waren keine Enten da, sah er den Krähen zu, wie sie auf ihren großen, kralligen Füßen umherstacksten und ihn aus ihren schwarzen Augen musterten.

Den Kopf schief gestellt, ein Auge auf ihn gerichtet, machten sie einen Bogen um ihn. Inspizierten, was sie auf der Erde fanden. Hoben Nussschalen auf oder pickten Fäden und Büschel aus einem Knäuel beiger Hundehaare, die das dornige Geäst einem Retriever vom Körper gezupft hat.


Waren keine Tiere zu sehen, ging er zurück nach Hause. Der Eingangsbereich roch nach schlecht trocknenden Handtüchern, Urin und ungewaschener alter Haut. Er erinnerte ihn an seine Großmutter, die ihm nach dem Abendessen immer Honigmilch gemacht hatte, obwohl seine Mutter es ihr verboten hatte.

Seine Zähne sind schon im Volksschulalter schwarz. Der Zahnarzt verordnet strenge Zuckerdiät, die Mutter exekutiert sie rigoros. Unser Geheimnis nennt seine Großmutter die große Tasse Honigmilch. Versprochen. Klebrig süß und so viel, dass sie als vollwertige Mahlzeit durchgehen würde.

Auf der Couch, die seine Großmutter ihm zum Schlafen mit einem löchrigen, geblümten Leintuch überzieht, liegt er im Halb-Finsteren der Straßen Laterne und drückt auf seine Bauchdecke. Drinnen gluckert es.


Im Stiegenhaus ging er extra langsam, um den Duft seiner Großmutter einzuatmen.
Den Aufzugknopf drückte er fünfmal. Dreimal schnell, zweimal langsam. Manchmal bohrte er davor in der Nase und stellte sich vor, wie seine Überreste über die Hände der anderen Hausbewohner in deren Wohnungen gelangten. Wo sie landeten. Auf der Fernbedienung vor dem Fernseher, auf dem Schneidebrett in der Küche, im Waschbecken im Badezimmer. Er stellte sich vor, unbeobachtet Teil vieler Leben zu werden, bis seine Nasenprodukte nichts als ein Häufchen Staub waren.


Zuhause sortierte er die Wassergläser im Schrank. Die Weingläser musste er nicht ordnen, sie haben sich seit dem Tod der Mutter nicht bewegt.

Als er als Kind nach dem halb vollen Rotwein Glas auf dem Esstisch greift, schlägt ihm die Mutter auf die Finger. Lass ihn, sagt Gerd. Soll er probieren. Als er wieder nach dem Weinglas greift, schlägt ihm niemand auf die Finger. Er nimmt einen großen Schluck und spuckt die Hälfte wieder aus.

Einen Teil ins Rotweinglas, den Rest auf den Teppich, der bis heute den sternförmigen braunen Fleck hat.

Beim Rotweinfleck blieb es nicht.

Er ruft nicht sofort die Rettung, als er seine Mutter auf dem Teppich findet.

Er will sichergehen, dass er den Notarzt nicht umsonst verständigt. Er hat gehört, dass man bestraft wird, wenn man den Notarzt holt, obwohl es gar nicht nötig ist.

Er wartet, bis im Kühlschrank kein Abendessen mehr ist. Bis er auch die Karotten gegessen hat, die schon schwarz und matschig geworden sind und er selbst das ekelhafte saure Kraut ausgelöffelt hat, das seine Mutter ganz hinten im Kühlschrank aufbewahrt.

Immer wenn sie nicht wusste, was einem ihrer geschmacksneutralen asiatischen Eintöpfe fehlte, strickte sie sich den Ärmel auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und griff auf der obersten Etage des Kühlschranks ganz nach hinten.

Manchmal musste sie heißes Wasser in das Glas leeren, dann war das Kraut zu nahe an der Kühlschrankwand gestanden und eingefroren.


Und als er den letzten Rest aus dem Glas gelöffelt und grimassierend gegessen hat, beginnt seiner Mutter, das Blut aus der Nase zu laufen. Über die Wange und ins Ohr. Und als die Ohrmuschel voll ist, tropft es auf den Teppich. Er ruft die Rettung.

Farblich waren die Flecken von dem Rotweinfleck nicht zu unterscheiden.

Bald fielen sie ihm nicht mehr auf.

Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmonds nach der Explosion in Ölraffinerien. Quelle: AFP

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