Hafermilch zum Cappuccino

Zwei Wochen ist es her, dass Yussuf sich gemeldet hat. Ab jetzt kann sie die Uhr danach stellen, wann er schreiben wird. Wichtig ist, dass sie es nicht tut. Unter die zwölf Dinge, die sie unter keinen Umständen tun darf, fällt auch die Kontaktaufnahme von ihrer Seite. „Die zwölf Gebote“ nennt ihre Freundin Sybille die Regeln. Die, halb ausgesprochen, halb angedeutet, zwischen ihr und Yussuf in der Luft schweben und sich manchmal wie Kleister um ihre Gedanken und Gefühle legen.

Erzählen kann sie niemandem mehr von Yussuf. Von dem Hochgefühl, wenn er sich endlich meldet. Von dem wattigen, schwebenden Gefühl, wenn er sie abholt. Von der Sicherheit, wenn er für sie kocht. Von der Dankbarkeit, dass sie nur ein einziges Mal die Frage verneinen musste, ob sie Fleisch isst. Und er seither vegetarisch kocht.

Der Hosen Träger Typ hat jedes Mal Fleisch gekocht. Je-des Mal hat sie es auf dem Teller zur Seite geschoben. Pariser zum Frühstück, Knacker zum Mittagessen. Und zum Abendessen  irgend-etwas aus dem Regal, wo die fertig marinierten Stücke liegen, meistens mit einem grünen gezackten Aktions Sticker drauf.

Stolz war er, als es neben dem grauen Fleisch am Teller auch grau-braunes Gemüse gab. Die kleinen Dendriten des Brokkoli, zerkocht im braunen Fleisch Saft mit den Fett Augen drauf. „Extra g’sund“ sagte er und schob sich ein fasriges Endstück vom marinierten Aktions-Fleisch zwischen die Zähne.

Die oberen Schneidezähne waren gelblich grau verfärbt und standen schräg übereinander, als würden sie um das Vorrecht zum Fleisch Zerfetzen kämpfen. Ich zuerst, nein ich!

Sie versuchte, seine Zähne zu ignorieren, wenn er sprach. Das war nicht einfach. Wenn er an nichts dachte, bekam er den „unbewussten Dodl-Blick“, wie ihr Tennislehrer es oft genannt hatte.

Wenn Kinder ihren Tag träumen nachhängen, bleibt ihnen manchmal der Mund offen stehen. Einfach so beim Nichtstun. Der Hosenträgertyp tat das auch, wenn er an nichts dachte. Einmal sah er sogar so drein, während er nach ihren Brüsten griff, als sie neben ihm auf der Couch lag und sie einen Film schauten.  „Rocky 15?“ fragt Sybille, wenn sie erzählt, sie sei beim Hosenträger Typ gewesen und sie hätten Film geschaut.

Yussufs Zähne sind weiß. Sie blitzen, wenn er lacht, sie sind gerade und schön und perfekt. Wenn sie gegessen haben, geht Yussuf ins Badezimmer und verwendet Zahnseide. Davor schließt er die Tür und sperrt ab. Manchmal hört sie die elektrische Zahnbürste und den Handtuchhalter, der quietscht, wenn man den schweren Frottee Stoff bewegt.

An Yussufs Wänden hängen nur Bilder mit Blumen. Bilder, die seine Mutter gemalt hat. Die aus Teheran sind voller Pastell, große, ausladende Blüten, die sich üppig aus Tonkrügen ergießen. Die jüngeren Bilder sind engmaschiger. Als seien sie auf dem Reißbrett erstellt worden. Auf den Leinwänden sind schwache Bleistift Striche zu erkennen, wo der Stoff in vier Quadranten unterteilt wurde. Jeder Quadrant ein Tonkrug.

Yussuf sagt nicht viel. Was er sagt, ist nett. Er komplimentiert ihre Kurven. Ihren Hintern, der den Männern früher zu ausladend war. Hier kommt die FF, hatten die Buben aus der Parallelklasse gesagt. Fettarsch hatte sie einmal im Spindraum gehört, als sie ihre Zeichensachen verstaut und den Spind geschlossen hatte. Wofür das zweite F stand, wusste sie nicht. Yussuf nennt sie weiblich. Und göttlich. Und wenn er zu fest zupackt, hat sie am nächsten Tag dunkelblaue und schwarze Flecken von der Arschfalte bis zu den Hüften.

Kannst froh sein, dass ich aufs Gsicht schau, hatte der Analog Alfred gesagt. An seinen echten Namen kann sie sich nicht erinnern. Er lehnte Smartphones ab. Internet verwendete er nur in der Arbeit am Bezirks Amt.

Kannst froh sein, dass ich aufs Gsicht schau, hatte er ihr gesagt und sich abgewendet, als sie in neuen Dessous bei ihm im Schlafzimmer stand und Sybilles Ratschlag befolgte. Selbstermächtigung ist sexy, hatte sie gesagt. Sie werde schon sehen, wie viel Lust sie selbst bekäme, wenn sie nur mal selbst die Zügel in die Hand nähme, hatte Sybille gesagt. Bevor der Analog Alfred sich auf sie legte, hatte sie wieder ihr T-Shirt über gestreift.

Bei Yussuf muss sie ihre Dessous nicht selbst mitnehmen. Er hat mehrere Sets in seinem Schlafzimmer. Worauf er Lust hat, legt er in eine schwarze Schachtel, die innen mit Samt ausgekleidet ist.

Modenschau sagt er und hebt fragend die Augenbrauen, wenn er Lust bekommt.

Dann geht sie ins Schlafzimmer, lässt die Tür einen Spalt breit offen. Wenn sie in Dessous aus dem Schlafzimmer kommt, stellt er sich vor sie. Ganz nah. Ihre Zehen berühren sich. Seine in schwarzen Socken. Ihre nackt. Kreisende Bewegungen führen seine Hände über ihren Körper. Zuerst den Rücken, hinauf und hinunter, im Uhrzeigersinn im Kreis. Dann über ihren Hintern. Er hebt ihre Arschbacken mit beiden Händen an und lässt sie nach unten fallen. Einmal, zweimal, dreimal.

Postross, hatte der Analog Alfred zu ihr gesagt. Einen Arsch wie ein Postross und dann auch noch in Spitze. Und gelacht hatte er. Die Dessous hatte sie noch am selben Tag in einen Kolping Container geworfen. Danach ärgerte sie sich darüber, sie nicht in einer Zeremonie verbrannt zu haben, wie Sybille es vorgeschlagen hatte.

Ob Yussuf bei den einheimischen Frauen ankommt, hängt mit zwei Dingen zusammen: Seinen Haaren und seiner Brille. Wenn ihm die Locken vom Oberkopf ins Gesicht hängen, während sie hinten und an den Seiten kurz geschnitten sind, geht er als Bobo durch. Wenn er dazu seine schwarz gerahmte Hornbrille trägt, dichtet man ihm den Hipster an und steckt ihn nach Neubau statt nach Brigittenau.

Man bietet ihm ungefragt Hafermilch im Cappuccino an. Sind alle Haare kurz und die Brille liegt am Nachttisch, pierct man ihn mit Blicken, wenn er in der Straßenbahn nicht schnell gut aufsteht, um alten Frauen mit ausgebeulten Einkaufs Taschen Platz zu machen.

Sie hat ein Date in einer Sky Bar Im 2. Der Typ war beim Schreiben genau ihrs gewesen. Freundlich, lustig, charmant. Wie schön Ihre Augen seien und wo sie die tollen Outfits von ihren Profil Fotos her habe. Ihren echten Namen verwendet sie auf den Portalen schon lange nicht mehr. Sie nennt sich Cindy oder Sandy. Hauptsache white trash name sagt Sibylle.

In der Skybar wartet ein Fremder auf sie. zwei Köpfe kürzer als im Profil angegeben. Schlechtsitzender Anzug, speibgrünes Hemd. Abgewetzte Kunststoffschuhe wollen Krokodilleder imitieren.  Er steht nicht auf, als sie sich an der Bar neben ihn stellte.

Während des ersten Cocktails redet nur sie. Nach dem zweiten fasst er ihr unter den Rock.

Sie geht auf die Toilette. Stützt sich mit den Händen am Waschbecken ab. Heute nicht. Ihre Arme zittern. Heute. NICHT!

Als sie die Tür ins Lokal öffnet, sieht sie links den Krokodilschlapfen Menschen an der Bar. Über sein Handy gebeugt, den dritten Cocktail vor sich. Rechts ist der Ausgang. Sie holt tief Luft und biegt rechts ab. Heute wird sie nicht nach Hause gehen und mit einer Packung Manner Schnitten und Gummi Kirschen ihren Kurs für Attachement Issues online machen, bis sie zum Gurren der amerikanischen Coaches einschläft, den Haselnuss Geschmack noch im Mund.

Der Taxi Fahrer fragt sie ob alles ok sei. Sie nickt, sieht im Rückspiegel in seine Augen.

Hartes Leben grad? Fragt er. Und sieht wieder auf die Straße, als sie seinen Blick nicht mehr erwidert.

Sie klopft. Nichts rührt sich. Sie klopft weiter. Heute nicht. Heute nicht. Heute nicht. Sie klopft und klopft bis ihre Knöchel weh tun. Als sich die Tür öffnet, weiß sie, dass ihm zurzeit wieder hafermilch zum Cappuccino angeboten wird.

Die braunen Augen hinter den spiegelnden Gläsern, so dunkel, dass die Pupillen in ihnen kaum zu sehen sind. Eine Augenbrauen hebt sich langsam über der Brillen Fassung. Heute nicht. Heute nicht. Heute. nicht.

Als er langsam zur Seite tritt und sie rein lässt, wird ihr ganzer Körper zu jelly, zu Gelatine, zu Flubber wie aus dem 2000er film. Sie lässt die Handtasche fallen. Eine Hand am Rücken schiebt sie ins Wohnzimmer. Ein Polster unter ihren Kopf, einer unter ihre Kniekehlen. In der Küche klappert der Wasserkocher.

Sie schließt die Augen. Heute nicht. Heute nicht. Nie mehr wieder.

Etwas warmes berührt ihre Handfläche. Chai Tee. Ein Holzstiel mit grobem, braunen Kandiszucker legt sich in ihre freie Hand.

Yussuf nimmt ein Buch aus dem Regal und setzt sich neben sie auf die Couch.

Die Seiten sind gelb und voller Eselsohren. Er blättert. Vorwärts, rückwärts. Schließlich beginnt er zu lesen. Der Akzent spielt mit den Konsonanten, lässt die R‘s und T‘s anders klingen. Irgendwann verschwindet der Tee aus ihren Händen. Und eine Decke legt sich über sie. Warm und schwer.

Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmonds nach der Explosion in Ölraffinerien. Quelle: AFP

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